Sofie, Laura und Lena

Februar 7, 2006 on 10:03 pm | In poesie, fynn |


Sofie, Laura und Lena

Ich stand vor der schmächtigen Linde, die dem Andenken Schillers geweiht ist.
Schnee bedeckte den Gedenkstein am Fuß des Baumes.
Ich wartete, ….

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  1. Sofie, Laura und Lena

    Ich stand vor der schmächtigen Linde, die dem Andenken Schillers geweiht ist. Schnee bedeckte den Gedenkstein am Fuß des Baumes. Ich wartete, im Winterwind fröstelnd, auf den Bus. Müsste mir die Linde nicht irgendetwas geben? Ich schlug den Jackenkragen hoch und suchte in meinem Rucksack nach Taschentüchern. Ich fand, die Linde wäre mir etwas schuldig. Neben mir zerschnitt der Wind ein Gespräch in absurde Fetzen. Es begann erneut zu schneien. Ich will keinen Schnee im Januar. Das neue Jahr will doch nun wirklich niemand mit Winter anfangen. Der erste Januar sollte der erste Frühlingstag sein. Ab 2007 machen wir das auch so. Wer macht mit? Ich fand mich auch bescheuert. Meine Haare sahen aus wie die Überschrift zu einem alten Artikel über Blumfeld. „Fönfrisur is back in town.“ Ich hoffte, das würde niemand bemerken. Erst recht nicht die Mädchen, die immer alles merken. Ich fand Taschentücher.
    „Hat das dann geblutet oder was?“ Der mit der Polarforscherjacke starrte das blondgefärbte Mädchen rauchend an.
    „Ja, aber ich hab mir sehr viel Mühe gegeben, nicht mehr zu bluten.“
    Ich schnaubte mich aus und dachte daran, wie blöd es gewesen war, als Kind schnauben zu lernen. „Schnaub mal!“
    Auf dem Kirchberg streute ein Anwohner Salz. Was haben sie uns erzählt? Der Kirchberg ist ein großer Grabhügel. Und dann haben sie gesungen, ihr seid das Salz der Erde.
    Vielleicht sollte ich mit saisonbedingtem Rauchen anfangen, überlegte ich. Von November bis Anfang März. Schlurfend schob sich ein Berg von Mann an mir vorbei. Er trug eine dünne graue Jacke und dazu eine Russenmütze. Den Kopf bewegte er rhythmisch hin und her.
    „Mama sein tot, Papa sein tot. Mama und Papa sein tot.“ Ich wollte nicht, aber ich starrte ihn an. Er war um die sechzig. Trockene Haut bröckelte von seinem fragenden Gesicht.
    Ich warf einen Blick die Straße runter. In der Schlachterei standen die Frauen Schlange. Vor dem Laden war ein Schäferhund angebunden. Er machte Sitz und bellte ab und an. In der Buchhandlung ging der Buchhändler auf und ab. Wenn ich den Laden betrete sagt er: „Hallo Tim.“ Ich blicke auf den Wein, den er und seine Frau neben den Büchern angefangen haben zu verkaufen und sage: „Ich würde gern etwas bestellen.“
    Langsam bog der weiße Bus um die letzte Kurve und hielt schnaufend vor uns an. Ich fahr nicht gerne Bus, aber wenigstens ist es warm. Im Winter ist der Bus das beste, was einem passieren kann. Es ist als würde Michael Jordan um die Ecke kommen und sagen: „Ich zeig dir, wie man richtig Basketball spielt.“ Ich setzte mich nicht zu weit nach hinten. Ganz hinten sitzen nur die Ghettos. Ganz vorne sitzen nur die Alten. Im Spiegel sah es aus, als würde der Busfahrer schlafen. Neben mir saß ein Mädchen, deren rosafarbene Daunenjacke ihr bis über die Knie reichte. Ihr Zopf sah ungeheuer streng aus. Sie war zurecht gemacht, als wollte sie heute Fotos von sich schießen lassen. Etwas für ein Sadomaso- Magazin. Ich ließ meinen Kopf gegen die Scheibe sinken. Dann ließ ich ihn auf die Rückenlehne fallen. Ich schloss die Augen und bekam Angst. Schnell öffnete ich sie wieder und blickte mich um, als wäre in den paar Sekunden sonst was passiert. Es war nichts passiert; langsam kroch der Bus fort aus Hittfeld. Wie Sperma schossen die Autos ins eiserne Gerippe der Stadt vor und erfüllten Hamburg mit Leben. Wir fuhren viel zu langsam. Von uns würde niemand schwanger werden. Von uns würde nichts bleiben, nur die Knochen unter dem Kirchberg.
    Ein paar Stunden später ging ich aus der Logik- Vorlesung auf den schmutzigen Campus. Weil ich etwas mitnehmen wollte, kaufte ich mir eine Biografie über Joseph Beuys und stieg in die S-Bahn. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, überlegte ich. Und mit Blick auf die Logik- Klausur fand ich es doch ziemlich schlecht. Eine ausländische Frau stammelte ein paar unverständliche Sätze und hielt mir ein eingeschweißtes Bild vor die Nase. Eine kinderreiche Familie guckte unglücklich in die Kamera. Ich schüttelte den Kopf, ohne sie anzusehen. Die Frau neben mir riss das Bild an sich, schüttelte den Kopf und sagte: „Ich bin über 80, was wollt ihr von mir noch erpressen?“ Ich wünschte mir, dass es draußen wenigstens schon dunkel wäre. Das Sonnenlicht brach sich in den Fenstern der Kunsthalle, als die Bahn in den Hauptbahnhof einfuhr. Der gelbe Schriftzug „Die eigene Geschichte“ hallte in meinem Kopf nach. Eine eigene Geschichte aus reiner Gegenwart, sammelt und stapelt sich, herum um mich. Ohne es zu wollen fühlte ich mich wie Raistlin Majere, vor dessen Stundenglasaugen alles zu Asche zerfällt. Raistlin Majere, der ohne seinen Bruder die Götter bezwingt und ohne seinen Bruder stirbt. Ich stieg aus und ging zu Saturn. Unterwegs kaufte ich mir keinen Döner, um nicht schlecht zu riechen. Ich hasste meine grüne Winterjacke, öffnete den Reißverschluss und fuhr die Rolltreppe hoch. Warm war sie ja. Sie machte fett. Ich bekam Lust, Basketball zu spielen.
    In der CD-Abteilung wurde eine Autogrammstunde mit Right Said Fred veranstaltet. Dazu deren stampfende Musik auf dem Silbertablett, extra laut aufgedreht. Zum Glück dauert es nicht mehr lange, bis ich 27 bin, überlegte ich. Die letzten fünf Jahre schaffe ich schon noch.
    Wieder die Stundenglasaugen und die viel zu dicke Jacke. Wieder die bescheuerte Frisur. Ich ging in die Independent- Abteilung und suchte nach Mark E. Smith. Er singt: „Our eyes are red and our brains are dead.“ Dann ging ich weiter zu Lou Reed. Das liegt auf dem Weg, ein paar Gänge weiter. Für unterwegs griff ich ein Exploited Album, falls ich irgendjemandem begegnen sollte. Die sehen dich mit diesem Totenschädel mit Irokesenschnitt auf dem Cover und machen einen Bogen um dich. Anders als Mark E. Smith bringt Lou Reed nur noch selten etwas raus. „These are the stories about Edgar Allen Poe, not exactly the guy next door.“ Er singt es so, dass sich „Poe“ auf „door“ reimt. Ich bezog alles schamlos auf mich. Aus mir wurde der Junge mit den roten Augen, dem abgestorbenen Hirn. Aus mir wurde der Typ, der nicht ist wie ein netter Nachbar. Als Junkie aus einem von Reeds Liedern fühl ich mich immer noch besser als in meiner grünen Jacke.
    Right Said Fred beendeten ihre Autogrammstunde und verließen, von Sicherheitsmännern flankiert, den Laden durch einen Hinterausgang.
    Es wurde nur noch schlimmer, als ich später mit Sofie, Laura und Lena beim Chinesen saß. Ich stocherte mit der Gabel zwischen Hähnchenfleisch und süßsaurem Gemüse herum und sah aus dem Fenster. Wie nett von den dreien, mich zum Essen einzuladen. Ich tupfte mit der Serviette meinen Mund ab und nahm einen Schluck Cola. Die Jacke hatte ich an die Garderobe gehängt, Sofie blätterte in der Beuys Biografie. Ich hätte die drei anlügen und zurück nach Hause fahren sollen. Es ist viel schlimmer mit jemandem herumzuhängen, wenn man nicht will, als einfach zu lügen und zu fahren. Ich mochte die Mädchen, aber ich wollte ihre Augen nicht auf mir ruhen spüren. Ich wollte meine Augen nicht auf ihnen ruhen spüren. Ich riet Sofie, ihre Haare auf keinen Fall wachsen zu lassen. Laura und Lena trugen beide ihre Haare lang und hätten es schön gefunden. Ich wollte nicht noch ein Mädchen mit langen Haaren. Wir sprachen über David Bowie und den langsamen Tod des Rock’n’Roll. Ich bestellte mir noch eine Cola. Der Junge am Nebentisch telefonierte flüsternd. „Ey Anna zieh dir nachher mal den Rock, damit ich dir an den Arsch packen kann, wenn ich nach Hause komme.“ Ich zog die Augenbrauen hoch, die Mädchen grinsten. Sofie machte ein abfällige Bemerkung und wollte bezahlen. Die chinesische Bedienung aß im Stehen eine Nudelsuppe und die drei überlegten, wo wir später noch hingehen sollten.
    „Im grünen Jäger ist ja heute noch was.“
    Oder wir erschießen uns gleich.
    „Vielleicht ist auch was in der Markthalle?“
    Ja, die fünfhunderste Kurt Cobain Memorial Night.
    Ich zog mir die Jacke wieder an, wickelte umständlich den Schal um den Hals und hielt die Tür auf. Die Luft war so kalt, dass niemand Lust hatte zu sprechen. Dampfwolken stoben aus unseren Mündern. Sofies Haare waren zerzaust. Wir gingen zur U-3 und fuhren zur Feldstraße. Langsam wurde es dunkel. Das Licht der Leuchtreklamen zerschnitt das trübe Blau in unverständliche Pixel.
    Als ich später allein und verschwitzt am Harburger Bahnhof stand, hallten die drei Mädchen und „Wilhelm, das war nichts“ in meiner Erinnerung nach. Mit jedem Becks war mir deutlicher in den Kopf gekommen, woran ich mich schon beim Chinesen bruchstückhaft erinnert hatte. „Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien, und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei.“ Laura, dachte ich, es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich dir so feindselig in den Ausschnitt gestarrt habe. Dein Pullover war so tief ausgeschnitten und deine Brüste sahen so sexy aus. Ich hab böse geguckt, weil ich nicht wie irgend so ein Penner starren wollte. Ich wollte dich nicht beleidigen und ich wollte nicht, dass du weißt, wie sehr ich deine Brüste mag. Ich hätte Lust, mir Messer in die Brust zu stecken. In jede Seite eins. Ich will den Scheiß loswerden. Es heißt jeder ist identisch mit sich selbst. Das stimmt nicht, ich bins nicht. Ich wills nicht sein, um keinen Preis.
    Sofie, mir tut es so leid.

    Kommentar von eskalaparty — 7. Februar 2006 #

  2. sind ein paar kleinere fehler drin.
    macht aber nichts, das bild holt ja alles wieder raus.
    das ist wie mit den beatles und den stones:
    die beatles spielen zwar alles richtig, aber die schiefen töne bei den stones machen die sache erst richtig lebendig.

    Kommentar von caroline — 8. Februar 2006 #

  3. der beste titel, bisher?

    Kommentar von caroline — 8. Februar 2006 #

  4. ja - schon groszes kino enthalten :
    „Wie Sperma schossen die Autos ins eiserne Gerippe der Stadt vor und erfüllten Hamburg mit Leben.”
    und natuerlich praktische lebenshilfe:

    „Unterwegs kaufte ich mir keinen Döner, um nicht schlecht zu riechen.”
    .
    das mit sofie geht schon in ordnung
    .
    REPRODUZIERT EUCH

    Kommentar von jorge — 8. Februar 2006 #

  5. was ja so richtig scheisze ist
    der beuys schriftzug auf dem stachelhaus cover
    .
    vielleicht stammt es sogar tatsaechlich von ihm
    aber selbst wenn
    der geist ist nicht drin erhalten
    .
    merke
    .
    mein liebstes beuys zitat
    :
    „wenn jemand meine sache sieht,
    dann trete ich schon in erscheinung”

    Kommentar von eskalaparty — 8. Februar 2006 #

  6. hast recht mit dem schriftzug, find ich auch.
    ist kein gutes cover.
    das poster an deiner wand, das wär das passende cover.

    Kommentar von caroline — 8. Februar 2006 #

  7. ach ja
    kurt cobain memorial night
    ich war mal in der markthalle oben
    und nirvana war 1mal in der markthalle unten
    das war die gleiche nacht
    mir war klar das nirvana das naechste mal richtig grosz spielt
    und war trotzdem oben
    bevis front
    das wars

    Kommentar von eskalaparty — 9. Februar 2006 #

  8. das ist ne verpasste chance.
    nirvanatexte sind nur das zeug, was betrunkene so reden, habe ich gerade gelesen.
    find ich als statement sowohl doof, als auch gut.
    kannst du eigentlich nicht das poster hier posten?
    das wär was.

    Kommentar von caroline — 9. Februar 2006 #

  9. hab ich das poster
    ?
    ich fuerchte geloescht
    .
    wenn ja

    Kommentar von eskalaparty — 9. Februar 2006 #

  10. zuhAUse doch an der wand

    Kommentar von caroline — 9. Februar 2006 #

  11. ach das
    .
    ich hab zwei
    .
    Du meinst die person
    oder
    das ausstellungsplakat
    ?

    Kommentar von eskalaparty — 9. Februar 2006 #

  12. das hier war ja schon hochgeladen

    Kommentar von „demokratie ist lustig" — 9. Februar 2006 #

  13. nee, die person.
    also das, das wie kwai chang caine aussieht.

    Kommentar von caroline — 9. Februar 2006 #

  14. ist ja auch in der papelallee schoen unterwegens
    .
    es stoert ja nur der unechte schriftzug

    Kommentar von eskalaparty — 9. Februar 2006 #

  15. also mich stört auch dieses blöde rot.

    Kommentar von caroline — 11. Februar 2006 #

  16. leider keine vorankuendigung
    aber selber gesehen 19.15 3sat
    erstausstrahlung
    „beuys und beuys”
    mit marina abramovic, heiner bastian
    christoph schlingensief
    und selbst mir unbekannten
    oder nie gesehenen archivaufnahmen
    zb die pruegelszene in aachen 64

    es lohnt immerdar

    Kommentar von eskalaparty — 11. Februar 2006 #

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