Dies ist das Ende der Kultur, das ist Knutschen.

Es ist Jochen Distelmeyer, der das Kampnagel –Kulturfestival 2009 mit seinem ersten Solo-Konzert abschließt.
Man hat ja lange warten müssen und die Zeit mit den investigativsten, beknacktesten und langweiligsten Ideen verbracht, was Jochen Distelmeyer nach Blumfeld tun sollte, müsste oder könnte. Aprilscherz der Intro: Distelmeyer im Tatort. Unbestätigten Quellen zufolge: Distelmeyer als Romanautor. Erst kürzlich löste Jochen selber in der Spex auf, wie vielfältig die Angebote waren, die ihm vorlagen und man stellt fest: selbst die Intro hat sich nicht sehr weit aus dem Fenster gelehnt.
Ich hab nie verstanden, welcher Kreis sich für Jochen Distelmeyer nach Verbotene Früchte geschlossen haben sollte und für mich klang das übersetzt so: „Ich habe mich mit den anderen Bandmitgliedern überworfen, Bock auf richtig gute Musiker und Geldverdienen.“
Ich könnte problematisieren, ob Andrè Rattay Schlagzeugunterricht nehmen musste oder warum Geld plötzlich eine solche Rolle spielt. Aber darum soll es hier nicht gehen. Natürlich macht Jochen Distelmeyer weiter Musik. Es war immer alles, was nach Blumfeld kommen konnte, weil es immer das war, was Jochen Distelmeyer konnte. Und es sind natürlich die Leute da, die immer da sind. Foyer vor der Bühne. Noch ist Raum 06 geschlossen und wir20trinken Alohabrause. Mir fällt eine Pavementzeile ein, die so geht: „Aloha means goodbye and also hello, it is in how you inflect.“ Dax kommt um die Ecke und gratuliert mir zu den Zwölf Euro, die ich auf der PudelARTBasel für mein Bild bekommen habe. Er sagt: „Jetzt kannst du dir ein Taxi nachhause nehmen.“ Ich sag: „Nee, kann ich nicht. Damit komm ich nie bis nach Harburg.“ Blick nach links. Das Mädchen im Rollstuhl, das in Hamburg immer dabei ist, hat immer noch ihren Freund. Wir sind auf die selbe Schule gegangen. Meine Ex- Freundin ist auch da, aber verspätet. Warum sind wir alle wieder hier? Ich zitiere Fern Tennis, wenn ich sage: „(…)Weil die drei Säulen, auf denen unser Tempel steht Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic heißen.“ Das ist ja eine Lebenseinstellung, in die wir erstmal hineinerzogen werden mussten und aus der wir jetzt , 10 Jahre später, nie wieder raus können.
Erschöpft lass ich mich auf einen der Stühle in Halle 06 fallen. Vor den ansteigenden Stuhlreihen steht das Mischpult und davor gibt es noch Platz, um vor der Bühne zu stehen. Ich zupfe mein Hemd zurecht und zieh das Jackett aus. Und wenn ich es tausend Mal wollen würde: ich kann nicht mehr stehen. Aber hab ich nicht auch mal einen längeren Text darüber geschrieben, warum ich finde, Konzerte sollten unbedingt immer bestuhlt sei
n? Wie lange ist das denn jetzt her?
Wir sechs sitzen ziemlich mittig und kurz vor uns Arne Zank. Es ist eine große Bühne. Von uns aus links stehen die vielen Distelmeyergitarren und ein sehr blonder Junge, ebenfalls im Jackett, steht daneben, trägt Kopfhörer und spielt mit den Mikros. Er ist vielleicht vier und ich denk: so sah ich auch mal aus. Hinter den Instrumenten und den Verstärkern sind quer über die Bühne boxengroße Scheinwerfer aufgereiht, deren Birnen aussehen wie leuchtende CDs. Sie blenden sehr, als Jochen Distelmeyer, im weißen Hemd, den ersten Akkord zu „Wohin mit dem Hass“ anschlägt. Neben ihm steht am Bass Lars Precht, den man im peitschenden Licht ebenso gut mit Gitarristen rechts von Jochen verwechseln könnte. Es muss die gleiche Brille sein. Ganz klarer Fall: In dieser Band darf nur ein Gestell getragen werden und das sieht eben so aus. Ich lehn mich zurück und ich schweife ab.

War meine Konzentration noch voll auf dem Punkt, bin ich plötzlich weg, als die Band den ersten Blumfeldsong spielt. Und das dauert gar nicht besonders lange. Aber es ist und kann nicht die Begeisterung sein, die Jochen Distelmeyer sich ausgerechnet haben mag. Auf der einen Seite mag das ja klar sein: es gibt noch nicht genug neues Material für einen zweistündigen Konzertabend. Auf der anderen Seite sitzt den Zuschauern noch die groß inszenierte Abschiedsshow in der
Fabrik im Nacken. Und der Schock: Blumfeld gibt es nicht mehr! Spätestens jetzt darf man sich gratulieren: Man, waren wir dumm. Mir ist gar nicht nach gratulieren zumute. Mir geht der Satz „Der Kreis hat sich geschlossen“ durch den Kopf. So ein doof Satz. Was für ein Unsatz. Und müsste man nicht wieder fragen: Jochen, was hat sich geschlossen?
Ich denk an meinen Tag. Auf der PudelARTBasel hab ich nichts zur Versteigerung geschafft und stand trotzdem zwei Stunden mit meinem Bild im Regen. Das war okay, denn ich hatte ja an meiner ersten Ausstellung teilgenommen und all die Daniel Richters mussten durch den Mulchclub an meinem Bild vorbei gehen. Und es war ja auch witzig zu sehen, wie Himmelpimmel diese Unsumme eingebracht hat. Ich habe es ausgerechnet, es ist 363, 33 mal so wertvoll wie meins. Kunststück.
Wir sind danach zum Italiener gefahren und haben Pizza gegessen. Im Spiegel sah ich gar nicht so schlecht aus, wie ich mich fühlte. Das wäre psychosomatisch, sagte sie. Ich hatte Angst vor der Ausstellung gehabt. Nach dem Essen fuhren wir ins Gängeviertel. Aus dem Fenster zum Hof, in dem die Schmutzige Schönheit aufgetreten war, war mittlerweile eine Waschküche geworden. In der Druckerei spielten Dual Quattro und hey, es gab sogar eine Bar. Auf den roten Sofakissen fand ich eine Ausgabe von Maxim Gorkis Nachtasyl und las darin die unterstrichenen Sätze. Eine irre Vorstellung,=2
0wie jemand zuhause alles penibel mit Füller und Lineal unterstreicht. Ich zitiere von Seite 89 und komme damit zurück auf Jochen Distelmeyer: „Was heißt Wahrheit? Der Mensch ist die Wahrheit!“
„Letzte Nacht meinte meine Mutter/sie sei so müde und erledigt/und ich dachte mir geht’s ähnlich/an den Haufen von Geschichte“- schreckt mich aus meinen Gedanken auf. Vielleicht hätte das programmatische „Status quo vadis“ das bereits leisten sollen, aber mein Kopf schaltet sich erst hier wieder ein. „Pro Familia“: „Und der Tag kommt uns entgegen/ hat den Rückweg angetreten/ sucht sich am Horizont ein Ende/verjüngt sich eigentlich im Fluchtpunkt.“ Und jetzt bitte so lesen, wie es nie gehört worden ist. Und noch einmal.
Da ist er also, dieser Mensch, dem wir alle so oft und so lange zugehört haben. Und mit Verbotene Früchte hat sich kein Kreis geschlossen, sondern die Kugel dreht sich noch. Erneut ist Distelmeyer der Schleifer, der am Rohdiamanten Sprache schleift und immer mehr kommt der fertige Diamant zum Vorschein. Denn auch mit dem neuen Album gelingt ihm das Kunststück, besonders originär zu beschreiben und niemals lässt er den Gedanken aufkommen, er könnte banal sein. Das soll nicht heißen, man könnte es nicht als banal missverstehen. Aber was ich an diesem Abend höre ist ein Mann, dem es gelingt, sich immer=2
0mehr von seinen Zwängen zu lösen und der schließlich völlig zurecht singen kann: „Wir sind frei.“ Jochen Distelmeyer hat sich die Gabe erschrieben, das Wesen der Dinge benennen zu können. Jeder Handgriff ist ein Kunstgriff.
Ob ihm das deshalb neue Zielgruppen erschließt und er sich überlassenes Terrain von Ich&ich, Silbermond &Co zurück erobern kann, wage ich zu bezweifeln. Aber die Veröffentlichung des Albums steht ja noch aus und eine Konzertreihe wird sicher folgen. Was darf es dann sein, die Colorline Arena?
Als besonderer Song vom neuen Album ist mir „Murmel“ in Erinnerung geblieben. Die Bedeutung der eigenen Familie hat Einzug in die Texte gehalten und steht mit diesem Song auf starken Beinen. Distelmeyer beobachtet mit Murmel als Familienvater und kann sich von aller Coolness und sozialer Verpflichtung überzeugend lossagen. Stattdessen ist er, ohne deswegen einfältig zu wirken das, was er mit „Heavy“ zu sein beansprucht: Liebe. Für mich funktioniert diese Sprache auch ohne, dass man 42 sein muss.
Das von Dax mit „der versaute Song“ gebrandmarkte Lied, Distelmeyer beschreibt detailverliebt eine Bettszene zwischen Mann und Frau, befindet sich übrigens nicht auf dem Album. Vielleicht kommt es ja auf eine Single?
Als alles aus ist, sieht man nur noch die Glühlampen der Verstärker wie drei rote Augen in der Dunkelheit leuchten und das Publ
ikum klatscht, stampft, pfeift und schreit begeistert. Eifrig schlägt Arne Zank die kleinen Hände aneinander.
Später wird Dax sagen, er wäre froh, um „Verstärker“ drum rum gekommen zu sein und als ich im Bus sitze, bin ich sowieso ein Wrack. Vielleicht hätte das Konzert in der Fabrik stattfinden müssen und Jochen hätte sich auf die neuen Songs beschränken sollen. Für eine tote Band war Blumfeld sehr lebendig und wirkte auf mich wie eine Ohrfeige für all die, die Distelmeyers Rhetorik hatten glauben wollen.
Die neuen Lieder gehören aber zweifelsohne zu dem Besten, was man lange Zeit bekommen wird. Vielleicht abgesehen von „Wohin mit dem Hass“, das nahtlos an „Die Diktatur der Angepassten“ anschließt und für das ich die Umschreibung „Wohin mit dem Fuchs“ beantragen möchte. Hassen wollte Jochen doch eh keiner. Nur eifersüchtig sein. Und vielleicht zu einem Friseurtermin raten, naja.
Sollte das alles ein kommerzieller Hit werden beantrage ich außerdem für alle, die nachweisen können, mindestens 3 Alben zu besitzen und seit 10 Jahren Fan zu sein (sagen wir anhand von Konzertkarten, T-Shirts, grauen Haaren, etc.) einen staatlichen Zuschuss von monatlich 50€.
Ich zitiere Matthias von Hartz, Leiter des ersten internationalen Sommerfestivals der Kulturfabrik Kampnagel, „Es muss einfach mehr geknutscht werden.“ Und dass das Kultur ist, wussten wir schließlich schon vor allen anderen.
